Schwer zu sagen, wie oft die beiden Filmemacher am Gelingen ihrer Dokumentation gezweifelt haben. Etwa, als ihr Protagonist nach dem ersten Vorgespräch seinen Totschläger zückte. Oder als er einen von ihnen um sieben Uhr morgens anrief: „ Ich hab geträumt, ich bring dich um.“ Oder auch, als er sagte, sie sollten das ganze Filmmaterial „in die Tonne treten“, wenn die Dokumentation nicht so werde, wie er es sich vorstelle. Alle, die bisher versucht hatten, einen Film über ihn zu drehen, hat Helmut Wenske „ in den Arsch getreten“, wie er sagt.
Ein wenig sorgt sich der Künstler daher, ob der Film über sein Leben nicht zu „soft“ geworden sei. Doch gerade die Szenen, in denen er seinen Kater Felix krault, mit seinen Freunden scherzt oder liebevoll über seine Frau spricht, machen die Dokumentation besonders sehenswert.

Friederike Haupt – Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Shakin’ all over

Film über den Hanauer Kultmaler und Undergroundautor Helmut Wenske fertig gestellt

Fast drei Jahre arbeiteten der Geschäftsführer der Amigofilm Productions Axel Czarnecki und der Filmemacher Daniel Siebert („Hanau à Go-Go“) an einer Dokumentation über den Hanauer Kultmaler und Undergroundautor Helmut Wenske. „Shakin’ all over: Helmut Wenske – Ein Leben gegen den Strich“ wartet nun auf eine TV-Ausstrahlung.

Von einem anstrengenden Prozess spricht das Regieteam. Immer wieder habe es kreative Reibereien zwischen den Filmern und dem Hauptprotagonisten gegeben. „Es war uns seit Aufnahme des Projekts klar, dass Differenzen bezüglich unserer Perspektive und der Selbstwahrnehmung Wenskes entstehen könnten“, sagt Czarnecki. Vor allem habe der Kampf um Kontrolle das schwierige, aber dennoch fruchtbare Arbeitsverhältnis beherrscht. „Letztendlich waren beide Seiten hoch zufrieden mit dem Ergebnis.“

Als Maler der psychedelischen Undergroundkultur der 1970er Jahre gelangte Wenske zu internationaler Reputation. In seiner Heimatstadt ist er immer noch bekannt wie ein bunter Hund – und ebenso umstritten. Es war die Geradlinigkeit seiner Biographie, die Drehbuchautor und Regisseur Daniel Siebert in den Bann zog. „Vor der Kamera zeigte er sich unglaublich authentisch“, betonen die Filmer. „Vielleicht ist Wenske der einzig wahre Rock’n’Roller, den die Republik je kannte.“

„Shakin’ all over“ erzählt von einem Menschen, der sich in keine Schublade pressen lässt. Und so ist der Film zugleich illustrierte Künstlerbiographie und klangvolle Rockdocumentary – nicht zuletzt auch psychologische Studie, die einer turbulenten Biographie voller Ab- und Umbrüche auf den Grund geht, einem Leben zwischen Genie und Wahnsinn. „Wenske ist genauso rüpelhafter Rocker wie treu sorgender Ehemann, knallhart und doch verletzlich, wirkt obszön und zugleich moralisch unantastbar“, erklären Siebert und Czarnecki. „Er redet im Slang, derb und aggressiv, er irritiert und fasziniert zugleich. Seine Kompromisslosigkeit stößt ab und zieht an. Auf jeden Fall provoziert sie Reaktionen und konfrontiert den Betrachter mit einem Leben voller Extreme, das intuitiv mit der eigenen Biographie verglichen wird.“

Vor allem habe man zeigen wollen, dass Helmut Wenske eben mehr verkörpert als einen „Freak“. Daniel Siebert spricht von malerischem Genie, von literarischem Können. Gedreht wurde vorrangig in und um Hanau. Immer wieder wird die Biographie mittels alter Fotos und Filmmaterialien in den geschichtlichen Kontext eingebettet. Zeitzeugen wie Beatles-Vater Tony Sheridan, TV-Moderator Götz Alsmann oder der Künstler H.R. Giger kommen zu Wort. Als roter Faden ziehen sich die Gemälde und Illustrationen Wenskes durch die Dokumentation.

„Rechnen wir das Archivmaterial zu den selbst gedrehten Teilen dazu, mussten wir aus 100 Stunden potentiellem Stoff die besten 60 Minuten auswählen“, berichtet die Macher die Postproduktion. „Es wäre leicht gewesen, einen reinen Szenefilm zu kreieren. Unsere Selektion orientierte sich aber am Wunsch, alle Facetten einer Person zu zeigen, hinter der viel mehr steckt als der rüde Rock’n’Roll-Veteran oder der psychedelische Kult-Maler.“

Zwischen versnobten Vernissagen, „auf die Menschen nicht wegen der Bilder kamen, sondern um ihr tägliches Kultursoll zu erfüllen und dabei fleißig Häppchen oder Wein abzugreifen“, so Helmut Wenske, und durchzechten Nächten mit reichlich Tanz, Mädchen und Raufereien habe er unerschrocken den eigenen Weg verfolgt. „Wahrscheinlich wäre er mit seiner Kunst noch viel weiter gekommen, hätte er sich auf die Konventionen des Kunstmarktes eingelassen“, vermutet Siebert. Alles andere war der Fall: „Die Botschaft des Films ist, dass du in dein eigenes Leben vertrauen musst, vielleicht auch, dass die kleinen Freuden des Alltags am Ende glücklicher machen als das große Geld oder der Erfolg um jeden Preis.“

Maryanto Fischer - Hanauer Kulturzeit